Was passiert, wenn du Gefühle unterdrückst
„Das prallt an mir ab" ist einer der Sätze, die ich am häufigsten höre. Gemeint ist meistens etwas anderes: Es prallt nicht ab, es wird nur nicht gezeigt. Nach außen bleibt das Gesicht ruhig, die Stimme fest, der Termin läuft weiter.
Was dabei innen passiert, wurde gemessen. James Gross und Robert Levenson haben Menschen Filme anschauen lassen. Ein Teil von ihnen bekam die Anweisung, dabei nichts zu zeigen. Das Ergebnis war doppelt unangenehm: Das Gefühl wurde nicht kleiner und die Anregung des Herz-Kreislauf-Systems stieg gegenüber der Vergleichsgruppe sogar an. Nichts zu zeigen ist also keine Ersparnis. Es ist eine zusätzliche Aufgabe, die dein Körper nebenher erledigt.
Das erklärt ein Gefühl, das viele Menschen aus überfüllten Wochen berichten: „Der Tag war nicht besonders schwer und trotzdem bin ich abends leer." Ein Teil der Kraft ist nicht in die Arbeit selbst gegangen, sondern ins Gesichtwahren.
Den Preis rechnet kaum jemand ein
Der zweite Teil der Rechnung steht nicht auf der Seite des Körpers, sondern auf der Beziehungsseite, zwischen dir und anderen. Eine Untersuchung hat Menschen über einen längeren Zeitraum begleitet und gefragt, wie sie mit ihren Gefühlen umgehen. Wer dazu neigte, nichts zu zeigen, berichtete von weniger Rückhalt, weniger Nähe zu anderen und weniger Zufriedenheit mit seinen Beziehungen. Das war nicht nur die eigene Einschätzung: Auch die Menschen im Umfeld sahen es so.
Auch wenn hier junge Erwachsene in einer Umbruchphase untersucht wurden, nicht Selbständige mit zwanzig Jahren Berufserfahrung: Die Altersgruppe ändert nichts am Mechanismus dahinter. Er hört mit vierzig nicht auf zu wirken. Wer unterdrückt, gibt anderen nichts zum Andocken. Und dann kommt auch nichts zurück. Wer weniger Rückhalt hat, zeigt beim nächsten Mal noch weniger. So schließt sich der Kreis.
Warum es für Selbständige schwerer wiegt als für Angestellte? Du hast keine Kollegin, die im Vorbeigehen merkt, dass heute etwas nicht stimmt. Wer dir nahekommt, muss es aus deinem Pokerface lesen.
Wegdrücken ist ein Muster wie Weitermachen oder alles allein tragen. Ob du im Moment selbst bemerkst, dass es gerade läuft, zeigt dir der Selbsttest.
Wovon ich abrate: Härte als Dauereinstellung
Ich rate niemandem, im Kundentermin zusammenzubrechen. Sich zusammenreißen ist eine Fähigkeit, sogar eine Kompetenz. Wer sie nicht hat, bekommt ein anderes Problem als das hier beschriebene. Wovon ich abrate, ist das Zusammenreißen als Grundeinstellung.
Der Unterschied liegt nicht im Moment selbst, sondern danach. Vertagen heißt: Du weißt, was da ist. Du kümmerst dich später darum. Wegdrücken heißt: Es ist angeblich nicht da. Wer vertagt, hat einen Zeitpunkt. Wer wegdrückt, hat keinen und trägt es einfach weiter.
Deshalb frage ich im Coaching auch nicht, warum jemand nichts zeigt. Die Antwort darauf ist fast immer vernünftig: weil es gerade nicht ging, weil es niemanden etwas angeht, weil der Termin wichtig war. Die nützlichere Frage ist, was danach damit passiert ist. Meistens lautet die Antwort: nichts.
Was stattdessen hilft
Der kleinste Schritt ist auch der unspektakulärste: benennen, was da ist. Nicht besprechen, nicht erklären, nicht rechtfertigen. Einen Satz für dich selbst, am besten konkret. „Ich bin sauer, weil die Zusage schon wieder verschoben wurde" ist brauchbar. „Irgendwie ist heute alles blöd" nicht.
Auch dazu gibt es Messungen. In einer Untersuchung mit Hirnscans fiel die Reaktion der Amygdala (unser Bereich für Gefahr und Bedrohung) schwächer aus, wenn Menschen ein Gefühl mit einem Wort benannten, statt es nur anzuschauen. Das ist kein Trick und es löst kein Problem. Es zeigt nur, dass bereits das Benennen den Körper weniger kostet als Wegdrücken. Und genau darum geht es hier.
Damit öffnet sich der Kreis. Was du benannt hast, musst du nicht mehr verstecken. Und was du nicht versteckst, hält niemanden auf Abstand.
Woran merkst du, dass sich etwas ändert? Die Lage bleibt dieselbe, aber du weißt abends, was am Tag eigentlich los war. Du musst nicht mehr raten, warum du müde bist. Warum das Erzwingen von Ruhe dabei nicht hilft, steht unter Gelassenheit lernen. Und wenn du merkst, dass du das Muster kennst, aber allein nicht herauskommst: Genau dort setzt meine Arbeit an.