Du vertraust und machst es trotzdem selbst
Mein Sohn ist zwölf. Ich sage ihm, er soll sein Bett machen. Ich weiß, dass er das kann. Trotzdem ging ich hinterher ins Zimmer und strich die Decke noch einmal glatt. Den Auftrag hatte ich abgegeben. Er hätte ihn erledigt, da bin ich mir sicher. Ich bin dazwischengehuscht und habe es selbst gemacht. Mit einer Grafik für meinen Newsletter war es dasselbe. Ich hatte jemanden beauftragt. Die Grafik kam. Ich bin zu Canva gegangen und habe mein eigenes gemacht.
Es geht nicht um Misstrauen, sondern um das Ergebnis
Wenn ich Kundinnen frage, warum sie es doch selbst gemacht haben, kommen fast immer dieselben vier Erklärungen. Die ersten drei stimmen selten.
- Perfektionismus. Ansprüche hat jede, die selbständig arbeitet. Ohne sie gäbe es das Geschäft nicht. Das erklärt nichts.
- Misstrauen. Beim Herzchirurgen kommst du nicht auf die Idee, das Skalpell selbst zu nehmen. Dort vertraust du vollständig, weil du es selbst nicht kannst. Beim Bett und der Grafik kannst du es.
- Zeitdruck. Die zwei Minuten, die du sparst, waren nie zwei Minuten.
- Die Abweichung. Du hast genau beschrieben, wie du es dir vorstellst. Die andere Person hat nachgefragt, ob sie es richtig verstanden hat. Zwischen deiner Vorstellung und dem Ergebnis bleibt trotzdem eine Lücke. Darum geht es.
Dazu kommt, dass es keine Entscheidung ist. Du überlegst nicht, ob du die Decke noch glattstreichst. Du tust es. Das läuft über den Autopiloten. Der Autopilot ist nichts anderes als eine Gewohnheit. Beim Autofahren denkst du nicht immer bewusst nach, du fährst. Du telefonierst und kochst nebenbei Nudeln – ohne nachzudenken. Für manche Handlungen, die dich etwas kosten, gilt dieser Mechanismus auch. Deshalb hilft ein Vorsatz allein nicht. Der erste Schritt ist Aufmerksamkeit: An welchen Stellen mache ich für jemand anderen etwas automatisch, obwohl es nicht meine Aufgabe ist?
Was dich das kostet: mehr als zwei Minuten Arbeit
Du greifst vor, damit die Erwartung gar nicht erst unerfüllt bleibt. Dann musst du hinterher nicht fragen, warum es anders gemacht wurde, als du es gesagt hast. Du musst dich nicht ärgern. Das ist nachvollziehbar. Nur passiert es nicht bei den echt großen Projekten, sondern bei den versteckten Kleinigkeiten. Zwei Minuten hier, eine Minute dort. Was dafür hinten runterfällt, ist der Kaffee, die Pause, das Luft holen zwischendurch. Abends ist die Kraft weg und am Tag hast du nicht mehr gewonnen.
Ein Teil davon klingt erst einmal widersprüchlich. Du hast die Aufgabe abgegeben, weil du sie aus dem Kopf haben wolltest. Erledigt, weg, nicht mehr deine Sache. Nur bleibt sie dort liegen, solange du nicht weißt, ob sie wirklich erledigt wurde. Also kontrollierst du oder machst es eben schnell selbst. Wolltest du nicht eigentlich Aufgaben abgeben? Statt zu kontrollieren – vielleicht doch gleich selbst machen?
Und es passiert etwas mit der anderen Seite. Wer ein paar Mal erlebt hat, dass du es am Ende ohnehin selbst machst, nimmt den Auftrag beim nächsten Mal nicht mehr ernst. Das gilt für ein Kind beim Geschirrspüler genauso wie für jemanden, der dir einen Entwurf schickt. Würdest du erfahren, dass dein Entwurf nicht verwendet wurde, würdest du beim nächsten Mal vermutlich auch denken: Dann mach es doch selbst. So baust du dir die Verlässlichkeit ab, die dir eigentlich Arbeit abnehmen soll.
Dazu kommt ein Preis, über den selten jemand spricht. In meinem Fall habe ich der Person nicht gesagt, dass ich ihre Grafik nicht genommen habe. Ich habe geschwiegen, weil mir die Frage unangenehm wäre: Für welches hast du dich entschieden? Und was sage ich dann? Für mein eigenes. Ich habe sie danach auch nicht noch einmal gefragt, obwohl es sinnvoll gewesen wäre. Damit nahm ich mir die Entlastung selbst weg, die ich eigentlich wollte.
Üben kannst du nicht am offenen Herzen
Geübt wird an den kleinen Dingen. An den Gabeln im Besteckkasten. Am Kissen auf dem Sofa. Am Stuhl, der nach dem Essen nicht an den Tisch gerückt wurde. Bevor die andere Person vom Abräumen zurückkommt, steht er längst wieder zurechtgerückt, weil du es gemacht hast. Lass ihn mal stehen. Und stelle dir eine Frage: Hat das eine Auswirkung? Passiert etwas Gefährliches? Oder halte ich das einfach aus?
Manchmal hast du ohnehin nicht die Wahl. Wenn der Heizungsinstallateur anruft und sagt, es seien drei Fälle dazwischengekommen, kannst du ihn nicht an den Ohren in deine Wohnung ziehen. Du musst mit der Verzögerung umgehen, ob es dir passt oder nicht. Bei der Besteckschublade und beim Bett hast du die Wahl. Genau deshalb sind das die Stellen zum Üben.
Woran du merkst, dass sich etwas bewegt: nicht daran, dass dir die Besteckschublade plötzlich gefällt. Sondern daran, dass du den Satz nicht mehr brauchst, mit dem du dich vorher beruhigt hast: Ach komm, ich mach das eben. Annika Grunwald, meine Podcast-Partnerin, hat dafür einen Satz, der weiterträgt als jede Übung. Sie wurde im Urlaub gefragt, ob sie enttäuscht sei. Ihre Antwort: Nein, ich hatte es nur anders erwartet.
Ob du etwas abgeben kannst, hängt also nicht nur daran, wie gut die andere Person ist. Es hängt auch daran, wie viel Abweichung du aushältst, wenn ohnehin Druck da ist. Du kannst früher merken, was in diesem Moment passiert. Dann siehst du auch, was noch an Reaktionen möglich ist. Genau dort setzt meine Arbeit an. Wenn du dich beim Vorgreifen oft selbst erwischst, passt dazu auch Perfektionismus ablegen, ohne schlechter zu werden.